Zentrum der Industriealisierung

Die Lage Mülheims als Stadt am Rhein und an der Strunde mit reichem Bergischem Hinterland bot ideale Voraussetzungen für eine frühindustrielle und industrielle Entwicklung.


Der Mülheimer Hafen bei Hochwasser: vorne links liegt das Hafenamtsgebäude, dahinter die Syberberg-Mühle an der Hafenstraße, im Mittelgrund zahlreiche Schlote der Industrie, beginnend mit Lindgens & Söhne, rechts die Hafeneinfahrt mit der Rheinmole.
Der Mülheimer Hafen bei Hochwasser: vorne links liegt das Hafenamtsgebäude, dahinter die Syberberg-Mühle an der Hafenstraße, im Mittelgrund zahlreiche Schlote der Industrie, beginnend mit Lindgens & Söhne, rechts die Hafeneinfahrt mit der Rheinmole.

Protestantische Unternehmer

Mülheims Geschichte ist ohne die Reformation und damit verbundene Machtverteilungen zwischen katholischen und protestantischen Fürsten und Machthabern nicht zu verstehen. Mülheim lag im Einflussbereich der protestantischen Fürsten von Berg, die immer wieder in Konflikt mit dem katholischen Köln gerieten.

 

Die Stadt Mülheim bot protestantischen Kaufleuten Mitte des 19. Jahrhunderts, und zuvor bereits in einer ersten Welle zu Beginn des 18. Jahrhunderts unter Kurfürst Jan Wellem, Raum für ihre unternehmerischen Expansionsbestrebungen, die ihnen in Köln verwehrt waren. Die Unternehmer Christoph Andreae, Gothard Mühling, Rother Platzmann, Dietrich Köster, Johannes Stock, Dietrich Vierbahn und die Gebrüder Brockelmann wurden in Mülheim mit offenen Armen empfangen und hinterliessen in Köln eine empfindliche Lücke.

 

Der Kaufmann Heinrich von Aussem, dessen Familie bereits  30 Jahre zuvor von Köln nach Mülheim gezogen war, baute einen Kran und eine Lagerhalle und legte damit den Grundstein für eine prosperierende Handelsschifffahrt. Die Personenschifffahrt zwischen Köln und Mülheim durch die »Köln-Mülheimer Dampfschifffahrt« wurde erst durch die Nutzung der Mülheimer Brücke ab 1929 überflüssig.

 

Die Gründerzeitliche Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit expandierenden Werken wie z. B. das Carlswerk der Felten & Guilleaume AG im Norden und die chemische Industrie und Maschinenbauindustrie im Mülheimer Süden machte den raschen Ausbau eines Stadthafens und den Ausbau des Schienennetzes mit drei Eisenbahnlinien notwendig.

 

Alle im Folgenden aufgeführten Unternehmen suchten den direkten Hafenzugang und prägten die Deutz-Mülheimer Skyline mit ihren rauchenden Schloten.

Ausbau der Infrastruktur

Die Gasmotorenfabrik Humboldt Deutz brauchte einen direkten Gleiszugang zum Hafen. Felten & Guilleaume verlud ihre schweren Kabeltrommeln an der Mülheimer Werft und hatte bis zur Höhe der späteren Mülheimer Brücke Zugang zum Rhein. Erst ab 1922 nutzten sie die Schlackenbergwerft als eigenen Werkshafen.

 

Unter dem Mülheimer Bürgermeister Steinkopf wurde das gesamte Mülheimer Ufer als Werft ausgebaut. Bis zwanzig Meter hinaus in den Rhein wurden die Anlage befestigt und 1877 im ersten Schritt abgeschlossen. Zugleich legte man Grünflächen mit Rheinblick zum sonntäglichen Flanieren an.

 

Bis Ende 1896 wurde in einer zweiten Phase die Kaianlagen bis zum Mülheimer Hafen ausgebaut. Ein Teil des Mülheimer Hafens diente als Sicherheitshafen unter staatlicher Oberhoheit. Der erfolgreiche Ausbau des Hafens ließ Köln staunen: 1896 hatte Mülheim 38.323 Tonnen Umschlag, 1901 bereits das Zehnfache mit 385.474 Tonnen.

 

Weltmarktführer am Mülheimer Hafen

Die Blei und Mennige verarbeitende Lindgens & Söhne GmbH, die sich 1851 am Hafen niederließ, versorgte die Haushalte mit Wasserrohren aus Blei und verlud diese im Mülheimer Hafen. Ihre technischen Verfahren für Bleifarben machte den protestantischen Familienbetrieb zum Weltmarktführer. In ihrer Nachbarschaft liessen sich die Motorisierungspioniere Nikolaus August Otto und Eugen Langen nieder. Der Ottomotor wurde an der Deutz-Mülheimer Straße perfektioniert und dort – zum ersten Mal in Europa – am Fliessband hergestellt. Eine Haustür weiter Richtung Süden entwickelte die Firma van der Zypen & Charlier prächtige Eisenbahnwaggons und experimentierte erfolgreich zur Personenbeförderung mit der Wuppertaler Schwebebahn.

 

Mitglieder der Unternehmerfamilien entlang der Deutz-Mülheimer Straße waren untereinander verheiratet.


Rheinwerft

1909 erschien der »Führer durch die Industrie- und Hafen-Anlagen in Mülheim am Rhein«. Der Prospekt sollte Eindruck machen. Die Stadt Mülheim den Mülheimer Hafen erfolgreich ausgebaut und mit repräsentativen Bauten ein Zeichen gesetzt. Zollamt und Turm waren in einer schmucken Anlage an der Einfahrt zum Hafenbecken vereint. Die folgenden Fotos sind diesem Führer entnommen.

Mülheimer Hafen Impressionen aus dem 20. Jahrhundert

Ausklingende industrielle Nutzung

Das Luftbild vom Mülheimer Hafen um 1980 zeigt das Lindgens-Areal. Der Hafenkran wurde im Dezember 2004 demontiert. Archiv Lindgens & Söhne.
Das Luftbild vom Mülheimer Hafen um 1980 zeigt das Lindgens-Areal. Der Hafenkran wurde im Dezember 2004 demontiert. Archiv Lindgens & Söhne.