Via Industrialis – die Deutz-Mülheimer Straße

Protestantische Unternehmer fanden im rechtsrheinischen Raum für ihre Vorhaben. Das Gebiet zwischen Deutz und Mülheim entlang des Rheins bot Fläche und direkten Rheinzugang. Das prosperierende Mülheim nahm gerne die protestantischen Unternehmer auf, die in Köln nicht praktizieren durften. 

Die Deutz-Mülheimer Straße bot ideale Voraussetzungen. Die Aneinanderreihung von Industriebauten an dieser Straße nennt der Architekturhistoriker Walter Buschmann »Via Industrialis«. Wir folgen diesen Fabrikgebieten von Norden nach Süden.


Industrielle Anfänge an der Deutz-Mülheimer Straße Mitte des 19. Jahrhunderts: Lindgens & Söhne, gegründet 1851.
Industrielle Anfänge an der Deutz-Mülheimer Straße Mitte des 19. Jahrhunderts: Lindgens & Söhne, gegründet 1851.

Chemische Industrie im Norden

Die Familie Lindgens & Söhne fand 1851 im Norden des Mülheimer Hafens eine Werkstatt für Bleifarben, die sie übernahm und beständig zu einem Werksgelände ausbaute. Das heutige Lindgens-Areal rechts und links der Hafenstraße wirkt wie ein eigener kleiner Stadtteil mit größeren und kleineren Backsteingebäuden. Inspiriert durch den klassizistischen Architekten Schinkel, bilden die Fabrikhallen eine Silhouette zur Hafenstraße. Wegebeziehungen durch das Areal mit Verbindungen von der Deutz-Mülheimer Straße bis hinunter zum Rheinhafen, die schmiedeeiserne Brücke, die über die Hafenstraße führte – leider demontiert – und die werkseigene Bahntrasse machen das Areal zu einer kleinen Stadt.

 

Gegenüber Lindgens & Söhne, an der Deutz-Mülheimer Straße, hatte die Firma Bergmann & Simons ihre Fabrik, in der ebenfalls Bleifarben hergestellt wurden.

Gasmotorenfabrik Deutz im Zentrum

1869 erwarben die Gründer Nikolaus August Otto und Eugen Langen zwischen Deutz und Mülheim ein 3000 qm Meter großes Areal, idyllisch gelegen zwischen einem »Kranz von blühenden Wiesen und schmucken Landhäusern« und bauten die ersten Werkstätten zum Motorenbau, denen große Werke in Backstein folgen sollten. Nachdem der erste »Otto«-Motor auf der Pariser Weltausstellung 1867 als Neuheit vorgestellt wurde, wuchs das Unternehmen stetig an. Aus diesen Anfängen erwuchs die DEUTZ AG, die erst in den 1990er Jahren sukzessive den Standort verlies.

 

1872 firmierte man zur Gasmotoren-Fabrik Deutz AG. Der großindustrielle Zuckerbaron Emil Pfeifer war erster Aktionär und begleitete die Innovationen von Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach: Dieselmotoren, Verbrennungsmotoren, Lokomotiven, Serienanfertigung von Automobilen unter Federführung von Ettore Bugatti.

Nachfolgeunternehmen waren die Motorenfabrik Deutz, die Humboldt-Deutzmotoren und schliesslich, durch Fusionierung mit den Kalkern, die Klöckner-Humboldt Deutz AG (KHD). Im März 2007 verlegte die jetzige Deutz AG ihren Stammsitz von Köln-Mülheim zu ihrem größten Produktionsstandort nach Köln-Porz. Seitdem stehen zahlreiche großräumige Backsteinbauten entlang der Deutz-Mülheimer Straße leer oder werden kreativ zwischengenutzt. Viele Hallen verfallen zusehends.

Van der Zypen & Charlier – Westwaggon

Der Belgier van der Zypen und der Kölner Albert Charlier gründeten 1845 ihre Firma, die sich im Zuge der Weiterentwicklung der Dampfmaschine und dem Erfolg der Eisenbahn, auf die Fabrikation von Eisenbahnwaggons spezialisierte. Zuvor stellte Charlier Postkutschen her. Diese Kutschen hob man nun auf beräderte eiserne Untergestelle für die Schiene. Den Einzelabteiwaggons folgten zum Teil prächtige großräumige Eisenbahnwaggons für die ganze Welt, und Straßenbahnwagen. Man war erfinderisch. Während man nebenan bei der KHD  den Individualverkehr weiter vorantrieb, setzte man hier auf die Entwicklung des Personenverkehrs auf der Schiene.

 

Eugen Langen, Mitbegründer der KHD, beteiligte sich als Ingenieur und stieg geschäftlich ein. Mit ihm firmierte man zur Westwaggon. Die Westwaggon nahm zu ihrem Höhepunkt ein Gebiet vom Deutzer Bahnhof bishin zum Rhein und Hafen ein. Die Entwicklung der Wuppertaler Schwebebahn in ganzeiserener Ausführung war ein Höhepunkt der Ingenieursleistungen aus dem Hause Westwaggon. Dennoch standen geschäftliche Veränderungen an. Schließlich fusionierte man 1959 per Übernahme mit der Klöckner-Humboldt-Deutz AG.

Ferdinand Kohlstadt Gummifäden –Kölnische Gummiwarenfabrik

1864 zog der Industrielle Kohlstadt von Nippes in das damalige Deutz, heute Köln-Mülheim, und errichtete dort als erster in Deutschland eine größere Gummifädenfabrik. Die Firma exportierte ihre webbaren Gummifäden nach ganz Europa aber auch nach Russland und Japan. In dem Werksgelände, das heute u. a. das Kunstwerk, die Kunstetage und das Gebäude 9 beherbergt, waren über 400 Mitarbeiter beschäftigt.

 

Eine Zusammenstellung der Industrie entlang der Deutz-Mülheimer Straße im Hinblick auf die denkmalerische Bedeutung dieser längsten Backsteinmeile Europas finden Sie in dem Katalog »Die unbequemen Denkmale entlang der Deutz-Mülheimer Straße« von Walter Buschmann und Susanne Schöß, gestaltet von icon Kommunikation. PDF-Download >


Das Gebiet der Van der Zypen & Charlier  G.m.b.H., später Teil der DEUTZ AG. Aus: Van der Zypen & Charlier G.M.B.H. Abteilung Personenwagen, Eisenbahnwagen-& Maschinenfabrik Cöln-Deutz, Köln 1909
Das Gebiet der Van der Zypen & Charlier G.m.b.H., später Teil der DEUTZ AG. Aus: Van der Zypen & Charlier G.M.B.H. Abteilung Personenwagen, Eisenbahnwagen-& Maschinenfabrik Cöln-Deutz, Köln 1909