Venedig am Rhein

Hafenkatze #6

Interview mit Norbert Fuchs (SPD), Bezirksbürgermeister von Köln-Mülheim

Norbert Fuchs auf der Katzenbuckelbrücke im Mülheimer Hafen. Foto: Eva Rusch
Norbert Fuchs auf der Katzenbuckelbrücke im Mülheimer Hafen. Foto: Eva Rusch

Zu Jahresbeginn treffe ich Norbert Fuchs, seit 27 Jahren Bezirksbürgermeister für den Kölner Stadtbezirk 9. Unser Thema ist die Entwicklung im Mülheimer Süden. Insbesondere das zu entwickelnde Verkehrskonzept wollen wir erörtern. Ich zeige ihm unsere Postkarte zum Blog Mülheimer Hafen mit einer Illustration der Fußgängerbrücke. »Ach ja, die Katzenbuckelbrücke! – Als junger Mann bin ich mit dem Mülheimer Ruderverein oft in den Mülheimer Hafen gerudert. Als wir drunter her ruderten, fühlten wir uns an Venedig erinnert und deshalb nannten wir in den 70ern die Brücke 'Rialto-Brücke'«.

 

Das waren noch Zeiten – aber nun zur Zukunft des Mülheimer Südens. Der ehemalige Industriestandort wird in den nächsten Jahren zu einem neuen Stadtteil entwickelt: »Lindgens Areal«, »Deutz AG Areal«, »Möhring Quartier« und »Cologneo I und II« heißen die Tortenstücke, aus denen das 70 Hektar große Entwicklungsgebiet besteht. Die Planungen schreiten voran, die Baugenehmigungen kommen jedoch nicht hinterher. 

In privatwirtschaftlicher Initiative haben sich einige der Grundstückseigner (Investoren) zu einem gemeinsamen Mobilitätskonzept zusammengeschlossen. Ziel ist es, eine zukunftsfähige Entwicklung der Quartiere im Hinblick – auch – auf die Mobilität zu gewährleisten. Die verordnete Menge an Stellplätzen (sogenannte »Stellplatzverordnung«) soll durch das Angebot von »Mobilitätsalternativen« reduziert werden. Somit werden Kosten gespart, aber auch der Kohlendioxid-Ausstoß und die Feinstaubbelastung werden minimiert. Grundpfeiler des Konzepts sind »Mobilitätshubs«, deren Zahl sukzessive auf etwa sieben Stück anwachsen soll. Zudem sollen die Quartiere für den Fahrradfahrer optimiert werden und der ÖPNV durch Buslinien oder sogar durch eine neue Straßenbahnlinie gestärkt werden.

 

Alles gut! Nur muss auch jenseits der Quartiere im Mülheimer Süden etwas geschehen, um das Verkehrsaufkommen aufzufangen und die oft den Grenzwert überschreitenden Schadstoffemissionen zu mindern.



Interview Teil 1

Herr Fuchs, zum Verkehrskonzept in Mülheim-Süd. Was halten Sie von einer Straßenbahn bis Leverkusen? Wie könnte eine neue Bahnlinie verlaufen und wie gut stehen die Chancen dafür?

Der Knackpunkt dabei ist die Engstelle an der Poststraße. Deren Kapazität ist erschöpft. Die Aufnahme einer neuen Strecke dort ist ausgeschlossen. Daher müsste eine Umsteigemöglichkeit in Deutz geschaffen werden, beispielsweise an der Messe. Von da aus könnte eine Bahn geführt werden über die Deutz-Mülheimer Straße –Danzierstraße – Wiener-Platz, alternativ auch über eine neue Trasse zum Rendsburger Platz - Bergischer Ring - Wiener Platz – Clevischer Ring – Halt am Böcking Park – Stammheim – Flittard bis Leverkusen Mitte über die B 8. Bei einer solchen Streckenführung könnte die KVB kritisieren, dass eine Linie entlang der B 8 nicht dort lang führt, wo Menschen wohnen und zusteigen können, und dass dort bereits die S-Bahn an der B 8 fährt. Eine Trasse durch Flittard und Stammheim und dann erst beim Chempark auf die B 8 stoßend wäre sinnvoller. Hier würde sich die schon bestehende Bayer-Bahn-Trasse anbieten.

 

Ist die historische Wegstrecke der Straßenbahn über die Deutz-Mülheimer Straße – Mülheimer Freiheit – Düsseldorfer Straße undenkbar?

Das ist leider nicht machbar. Geplant ist aber kurzfristig eine Buslinie einzurichten. Die KVB-Buslinie soll vom Deutzer Bahnhof über Auenweg – Thermalbad – eventuell, falls die Erschließung fertig ist, durch das Neubaugebiet Cologneo auf die Deutz-Mülheimer Straße – Haltestelle am New Yorker bis zum Mülheimer Bahnhof führen. Die Überlandbusse aus Solingen/Remscheid könnten bereits jetzt am Hotel | The New Yorker halten. Der alte Opern-Bus sollte auch zur Schanzenstraße mit dem Carlswerk über den Wiener Platz und wieder zurück fahren. Auf alle Fälle soll eine Verknüpfung zwischen Deutzer und Mülheimer Bahnhof entstehen. Vom Zeitplan her müsste das zum nächsten Fahrplanwechsel, also Ende September, umgesetzt werden!

 

Was erhoffen Sie sich von der privaten Initiative und wo muss die Stadt mehr liefern?

Wünschenswert wäre, wenn das Verkehrskonzept nicht immer der Bebauung hinterherlaufen müsste, sondern schon vor der Bebauung, wenigstens parallel zu den ersten Entwürfen, ein vernünftiges Verkehrskonzept entwickelt würde!

Es muss jetzt geprüft werden, wie das privat initiierte Mobilitätskonzept im Mülheimer Süden funktioniert. Eine Straßenbahnlinie zwischen Messe und Danzierstraße lässt wegen der engen Straßenfläche keine eigene Bahntrasse zu und eine auf der Fahrbahn verlaufende ist nicht durch öffentliche Mittel förderfähig. Die Crux sind hier die Kosten. Wer zahlt? Eventuell könnten die Investoren dieses Bahnstück privat finanzieren, wenn sie dafür an anderer Stelle einsparen könnten, z. B. an der Stellplatzablöse oder den Stellplatznachweisen. Ich bin zudem in intensiven Gesprächen mit der Stadt Leverkusen und der Bayer AG bzw. dem Chempark.

 

Durch die Demo-Aktion »Dicke Luft« am 16. September 2016 wurde der Clevische Ring für einige Stunden zur autofreien Zone um auf die extreme Feinstaubbelastung hinzuweisen. Der Güterbahnhof Mülheim und der Mülheimer Süden werden sich entwickeln, aber auch die Messe City kommt und die KölnMesse baut sich weiter aus. Welche Möglichkeiten sehen Sie für Mülheim, insbesondere den Clevischen Ring, die zu einer Entlastung beitragen?

Zunächst müsste der zur Messe führende LKW-Verkehr schon an anderer Stelle, am Autobahnzubringer, an der Zoobrücke abgefangen werden. Das von Herrn Harzendorf vorgestellte Verkehrskonzept der Stadt Köln sieht eine direkte Anbindung zur Autobahn nach Kalk vor. Das Problem, welches am einfachsten zu lösen wäre, stellt meiner Ansicht nach der Transitverkehr dar. Am Ziel- und Quellverkehr lässt sich wenig ändern. Die LKWs, die von der A 1 auf die A 3 wollen, kommen wegen der Leverkusener Brückensperrung über die Mülheimer Brücke. Für einen Fehler halte ich auch die Entscheidung, den Godorfer Hafen nicht weiter auszubauen. Dadurch muss der Niehler Hafen vergrößert werden und den gesamten Container-Verkehr aufnehmen mit der Folge einer weiteren Zunahme des LKW-Verkehrs über die Mülheimer Brücke. 

 

Eine umweltsensitive Ampel soll im Frühjahr an den Clevischen Ring kommen. Wir hoffen dadurch auf eine Verbesserung. Weniger stehender Verkehr senkt die Schadstoffe, da hauptsächlich der stehende Verkehr zur hohen Belastung führt. Vorschläge zum Rückbau des Clevischen Rings auf eine Fahrspur machen daher keinen Sinn. 



Interview Teil 2

Norbert Fuchs. Foto: Eva Rusch
Norbert Fuchs. Foto: Eva Rusch

Und darüber hinaus. Was kann getan werden?

Es muss ganz eindeutig verstärkt auf den ÖPNV gesetzt werden und auf ein vernünftiges Mobilitätskonzept. Toll wären Carsharing-Stellen für Autos und Fahrräder, z. B. an der Deutz-Mülheimer Straße/Ecke Auenweg zum Start. Dann könnte da auch noch ein Post-Shop mit DHL Packstation dazu. Das könnte zur Reduktion auch des Anlieferverkehrs führen. Wenn wir für Mülheim ein Netz solcher Stationen bekämen, das wäre großartig. Auch der Ausbau des Fahrradwegesystems ist wichtig. Immer mehr Menschen fahren mit dem Fahrrad.

 

Das Projekt »Grow Smarter« der Stadt Köln und Partnern sieht vor, einen Mobilitätsknotenpunkt in der Stegerwaldsiedlung entstehen zu lassen. Wo noch?

Ein solcher Hub entsteht gerade am Mülheimer Bahnhof. Aber auch am Deutzer Bahnhof soll so etwas entstehen.

 

Was wünschen Sie sich von den Bürgerinitiativen in Mülheim?

Insgesamt müssen die Bürgerinnen und Bürger mehr Druck machen. Es ist auch wichtig, dass die Initiativen weiterhin Druck auf die Planung des RRX ausüben. Zwar kommt der Rhein-Ruhr-Express-Halt in Mülheim, aber dies muss auch langfristig gesichert bleiben.

 

Genug zum Verkehr. Uns erscheint es wichtig, das industriehistorische Erbe deutlicher zu kommunizieren und erfahrbar zu machen. Ist die Industriegeschichte des Mülheimer Südens für Sie Thema?

Die Geschichte sollte unbedingt berücksichtigt werden. Angefangen mit der Namensgebung der Straßen bis zu der Idee eines Erfinderparks. Der könnte auf dem alten Deutz AG Parkplatz an der Danzierstraße südlich rüber zum Lindgens Areal und östlich zur Grünstraße hin entstehen. Dort ist bereits ein großzügiger Grünzug geplant. Es gibt einen Geschichtsverein der Deutz AG.

Helmut Müller, ehrenamtlicher Leiter der Unternehmensgeschichte Deutz AG, ist dort engagiert und hatte die Idee zu diesem Erfinderpark. Für diese Grünfläche sollte meiner Ansicht nach ein Wettbewerb für Landschaftsarchitekten zur Konzeption eines Erlebnisparks  ausgeschrieben werden. Wünschenswert wäre auch, in einem der historischen Gebäude ein Industriemuseum einzurichten. Natürlich stellt sich hier die Frage nach der Finanzierbarkeit, wenn sich aber die Nachfahren der Erfinder und jetzigen Investoren zusammen tun, wäre dies vielleicht machbar. Veranstaltungsräume, Kunstausstellungen, ein Hotel in Kombination mit einer Dauerausstellung – vieles ist denkbar als Ort der Erinnerung.

 

Den Namen »Möhring-Quartier« halte ich übrigens für verfehlt. Möhring war der Architekt der Halle und hat diese zunächst als eine Art Messehalle in Düsseldorf aufgebaut. Mit dem Standort hat das nichts zu tun. Letzte Woche hatte ich ein Gespräch mit Herrn Krupp, Deutz AG, und Herrn Kemperdick, NRW.URBAN, bei der die Eigentümer beschlossen haben dem Quartier den neuen Namen »Otto-Langen-Quartier« zu geben. 

 

Wir freuen uns alle auf eine positive Entwicklung im Mülheimer Süden. Aber immer noch wird nicht gebaut. Was ist da los?

Auf dem Cologneo Gelände beispielsweise könnte innerhalb von vier Wochen nach Baugenehmigung gebaut werden. Aber leider liegen die Genehmigungen immer noch nicht vor. Hier muss etwas geschehen! Frau Reker sollte hier die zuständige Verwaltung prüfen und dahingehend stärken, dass die Verfahren schneller laufen. Wir brauchen Wohnungen und die historischen Gebäude verfallen zusehends.

 

Herr Fuchs, vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Eva Rusch



Weiterführende Links: